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Mit Kiste zum Mond: Kindheitsträume aus einem DDR-Heft

Gerade ist Artemis II nach ihrer Mondumrundung wieder heil zur Erde zurückgekehrt. Millionen Menschen haben Start, Flug, Bordroutine, Fotos und Rückkehr verfolgt. Und vermutlich waren mindestens ebenso viele irgendwann leicht genervt von den überschwänglichen Berichten. Also darf ich mit meiner üblichen Verspätung natürlich auch noch ein paar Worte dazu verlieren.

Vielleicht erinnert sich der eine oder die andere noch: Zu Twitterzeiten hatte ich schon einmal davon erzählt, dass ich in einer alten Zeitschrift aus der Jugendzeit meines Vaters eine Mondreisegeschichte entdeckt hatte. Die habe ich nun wieder hervorgekramt — und damit gleich eine kleine Zeitreise unternommen. Ohne Rakete, dafür mit deutlich weniger Havarierisiko.

Deckblatt der "Fröhlich sein und singen" Heft 4 von 1956, mit einen gezeichneten roten Rennauto mit Anhänger mit Lumpen, Spielzeug, Altpapier und Flaschen auf einer Fahrt durch eine ländliche Landschaft.

Vor mir liegt eine Ausgabe von Fröhlich sein und singen aus dem Frühling 1956. Der Krieg ist elf Jahre vorbei, die DDR gerade sechseinhalb Jahre alt, und allenthalben herrscht dieses grundsätzliche „Jetzt wird alles besser!“-Gefühl. Zumindest sollte es so wirken. Denn Optimismus war nicht nur erlaubt, sondern ausdrücklich erwünscht — am besten auf Schulfesten, Pioniernachmittagen und anderen Gelegenheiten, bei denen alle möglichst fröhlich und geschlossen in die Zukunft schauen sollten. Genau dabei half die Zeitschrift des Zentralrats der FDJ für die kulturelle Arbeit der Jungen Pioniere und Schüler. Also eher kein Lustiges Taschenbuch, sondern ein hübsch ideologisch aufgeladener Baustein im großen pädagogischen Baukasten jener Jahre.

Und genau deshalb ist das Heft so interessant. Zwischen Geschichten, Bildern, Liedern, Bastelideen und kleinen Spielszenen wird fleißig gemischt: ein bisschen Unterhaltung, ein bisschen Propaganda, eine Portion kindliche Fantasie und dazu der unübersehbare Wunsch, das alles pädagogisch ordentlich einzuhegen. Fröhliches Mitmachen war angesagt, Kollektivgeist sowieso, und Lernen sollte bitte möglichst so aussehen, als hätte es gerade selbst Spaß daran.

Besonders nett ist die Geschichte Reise auf den Mond. Kleine Panelbilder treffen auf gereimte Vierzeiler, und mitten drin: Rakete 1, eine Havarie und Pionier Kolja, der sich in einer Kiste versteckt auf die Rettungsmission zum Mond schleicht. Das ist herrlich naiv — und genau deshalb so charmant. Der Mond wirkt hier nicht wie ein ferner, unerreichbarer Ort, sondern eher wie ein Ausflugsziel mit gelegentlichen technischen Problemen. Egal, dass ein „luftgefüllter Monddress“ in passender Größe sich im Raumschiff befindet. Und wenn dann auch noch erklärt wird, dass ein Zentner für Kolja nichts ist und der Mond nur ein Sechstel des Normalgewichts hat, schwingt da immerhin schon ein kleiner Hauch echter Physik mit — sauber verpackt in Reim, Bild und kindliche Abenteuerlust.

Dreiteilige Bildseite aus der Mondgeschichte: Eine Mondlandung, Kolja und sein Onkel schauen vom Felsen und werfen mit großen Steinen; darunter die Texte

Natürlich ist es am Ende ausgerechnet Kolja, ohne den die Rettung nicht gelingen würde. Und so endet die Szene in schönster Feststimmung:

Im Fahnenschmuck der Platz ringsum

vor dem Observatorium

ist voller Menschen, alt und jung,

sie jubeln vor Begeisterung!

Vierteiliger Ausschnitt der Bildgeschichte von der Landung

Solche Hefte sind heute gerade deshalb lesenswert, weil sie so viel von ihrer Zeit preisgeben. Sie zeigen, wie stark die Mondfahrt schon in den 1950er-Jahren als Motor der Vorstellungskraft funktionierte. Lange bevor Raumfahrt Alltagssprache wurde, war sie in Kinderzeitschriften ein Ort des Staunens, des Bauens, des Fantasierens und des pädagogisch hübsch eingerahmten Zukunftsglaubens.

Wenn ich diese alten Seiten anschaue, denke ich nicht nur an Propaganda oder vergangene Erziehungsabsichten. Ich sehe vor allem ein Stück Alltagskultur, in dem sich Sehnsucht nach dem Morgen, nach Technik und nach Bewegung bemerkbar macht. Der Mond war damals Traum, Projektionsfläche und Abenteuer zugleich — und genau deshalb lohnt sich der Blick zurück. Außerdem ist es beruhigend zu wissen: Früher musste man für eine Mondreise offenbar nur eine Kiste, etwas Improvisation und den richtigen Pioniergeist mitbringen.

Wer die gesamte Geschichte und mehr lesen will, wird hier im Internet Archiv fündig:

noch mal das Deckblatt

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